Unschuldig bis zum Beweis der Schuld

[Contentwarnung: Tod, Suizid]
In Deutschland gibt es 104 Telefonseelsorgestellen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit anonym Beratung am Telefon anbieten. Unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 kann kostenlos angerufen werden. Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge hören zu, nehmen Anteil und verweisen bei Bedarf an andere Einrichtungen. Solltet Ihr Hilfe brauchen, bitte ruft an!
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… so oder so ähnlich ist einer der Grundpfeiler eines Gerechten Justizsystems. Ein Beschuldigter kann sich so gegen Allegationen verteidigen und Anschuldigungen oder Anklagen werden geprüft. Keine Existenz wird aufgrund eines Verdachts erstmal vernichtet – Und es war gut so.

Leider, und ich muss es wirklich so sagen, ist es mit der Offenheit des Internets zu einem Prinzip geworden, das liebend gerne in einer Mob-Mentalität geopfert wird. Menschen zu „canceln“, am liebsten auch noch ihre Familie und die Lebensgrundlage wie das Einkommen in einen Vulkan werfen, damit die Beschuldigten nie wieder auf die Beine kommen. Die Anschuldigungen hängen wie ein Damoklesschwert über ihrem Leben.

Freunde und Familie wenden sich von einem ab, alles ist verloren, selbst wenn es bloß eine Unfundierte Beschuldigung handelt. Viele finden keinen Weg mehr zurück – wenn der Mob sich erstmal festgebissen hat, gilt die Mentalität „Nie wieder Fuß fassen lassen!“. Oft kostet diese Mentalität auch Leben. Alec Holowka, Entwickler von Night in the Woods, wurde beschuldigt, und ohne, dass man ihn erstmal angehört hat, oder vernünftig die Polizei involviert hat, haben ihn Freunde, Familie, sein eigenes Indie Game Studio und der Publisher fallen lassen. Er nahm sich im selben Monat noch das Leben.

Es ist nie herausgekommen, ob die Anschuldigung echt war, oder nur ein Publicity Stunt (Weil die Anklägerin eben schon für so etwas bekannt ist).

Wilson Gavin, ein homosexueller Christ, der einfach nur dagegen protestiert hat, dass Drag Queens Kindern Bücher vorlesen – Suizid durch Hetz- und Hasskampagne, Ad Hominem-Attacken.

Caroline Flack (Regenbogenpresse). Hana Kimura (Cyberbullying). August Ames (Twitterpost). Charlotte Dawson (Cyberbullying). Rehtaeh Parsons (Cyberbullying), und viele viele mehr.

Nun wiederholt sich das Spiel wieder und wieder. Diesmal sind es dutzende Anschuldigungen, und viele sind wahr, weil manche halt einfach nicht Ihre Hände bei sich behalten können. Aber trotz dessen, dass man darum bittet, nicht sofort alle Beschuldigten zu „canceln“, ihren Lebensunterhalt anzugreifen, geht genau dieses Verhalten los. Wer denken die, wer sie sind? Die Nationalgarde der Selbstgerechten Rächer? Ziehen die sich ihr Koks durchs Arschloch rein?

In einer Zeit, wo Leben mehr und mehr Online, und bei Streamern grade live und Öffentlich geführt werden, ist man angreifbarer denn je – egal ob gerechtfertigt oder nicht. Ich weiß, dass es eh schon Schwierig ist, der Exekutive zu vertrauen, besonders in den USA, wo derzeit die Unruhen zu BLM sind, aber der erste Anlaufpunkt sollte grundsätzlich erstmal die Polizei sein und nicht der Mob im Internet – egal ob fundiert oder nicht.

Strafverfolgungsbehörden, so „Urdeutsch“ das auch klingt, nehmen sich solchen Fällen an und beginnen auch Ermittlungen und so weiter. Menschen an den Pranger zu stellen, wie beispielsweise der Fall TVBadger, der hier des Mißbrauchs beschuldigt wird… und hier alles widerlegt – und trotzdem dafür beschimpft wird, weil „es könnte ja doch sein“. Oder Joey Vargas, der hier entschieden gegen die Anschuldigungen vorgeht. (Die Anklage gegen ihn wurde mittlerweile gelöscht und die Person hat alle Ihre Accounts geschlossen.)

Der Anspruch, allen Anschuldigungen immer zu glauben, egal ob es Beweise gibt oder nicht, ist gefährlich, denn jedes Mal, wenn jemand Falsches an den Pranger gestellt wird, oder gar Unschuldig sein Leben verliert, neigt man dazu, den echten Opfern noch weniger zu glauben. Und das ist ein weiteres Problem.

Alle diese Menschen, die in dieser Liste stehen, egal für was, werden aufgrund ebendieser Berichterstattung nun für den Rest ihres Lebens mit dem Stigma leben, angeblich ein Vergewaltiger oder Pädophiler zu sein, obwohl manche in der Liste nicht mal irgendwas getan haben, oder einfach nur ihren Nicknamen zu Halloween auf Twitter zu „Spook“ geändert haben, oder mit mehreren Frauen gleichzeitig, außerhalb einer Beziehung geflirtet zu haben.

Aber „Schuldig“, sprach das Internet. Und ruinierte dabei ein paar unschuldige Leben. Kollateralschaden halt. Diejenigen, die erwiesen Falsche Anschuldigungen hervorbrachten? Kann ja mal passieren, die können ihr Leben so weiterführen.

Solltet ihr Ernsthaft so etwas erlebt haben, wendet euch, so schwer es auch sein mag, an die richtigen Autoritäten. Es ist vielleicht verlockend, Menschen an den Pranger zu stellen, aber das ist Aufgabe der Justiz – und nicht eines Mobs mit Fackeln und Heugabeln.

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