Dex, Einkaufen

Schnecken im Einkaufsrausch und andere zwischenmenschliche Schädlinge

Manchmal, da bin ich ein Mitfühlender Mensch. Wenn einer Älteren Dame ein Euro bei ihrem Einkauf fehlt oder jemand grade gestürzt ist (ja auch die Mitarbeiter. Sind ja auch Menschen. Ehrlich.), ich bin da und helfe aus. Aber mein Mitgefühl hat auch Grenzen. Und ebenjene Grenzen lotst das Leben geradezu genüsslich aus.

Vor kurzem musste ich meiner Grundbedürfnisse nach Trank und Speis, oder auch vulgär, Gefraß und Gesöff nachgehen, um, nunja, nicht zu sterben. Ihr kennt das ja. Also flugs den schwarz-pinken Drahtesel gesattelt und auf ins geförderte Konsumvergnügen voller Mensch, Tier und Parasit – Wo man am Eingang von den Klimageräten bereits mollig warm weggebrutzelt wird. Hier trifft sich alles, was Rang und Namen hat, von Flohbrutanstalt Rex bis zur 4jährigen Louise-Marie mit den ersten Läusen der Wintersaison. Und so, bewaffnet nur mit meinem Schneid (und einer Glatze), betrat ich das Geschäft.

Sofort umschwallte mich die Heißmangel des eingangs erwähnten Türklimagerätes, welches mühelos die Taschen der Eintretenden verlorenen Seelen auf links drehte. Niemand sollte würdevoll dieses große, abgeschirmte Gebäude betreten dürfen. Und niemand sollte hier drin sein Mobiltelefon zum Preisvergleich nutzen. Der erste Schritt in die Vorhalle besiegelte mein Schicksal. Kein Handysignal. Kein 4G, kein 3G, kein 2G und erst recht kein GG. Abgeschnitten von der Außenwelt drängte mich der Schwall hereinströmender, auf links gedrehter Menschen in den Laden. Und so nahm der Horror seinen Lauf.

In weiser Voraussicht meiner Fresssucht hatte ich mir einen Einkaufswagen, Marke Weltkriegspanzer mitgenommen. Nicht nur konnte man darin Waren verstauen, nein, er eignete sich auch hervorragend, um marodierende Rentner-Wegblockaden aufzulösen. Einfach ein bisschen Anlauf nehmen und schon fliegen die Dritten und Rollatoren, als wäre Udo Lindenberg persönlich ohne Hose einkaufen gegangen. Aber mit Hut. Des Wiedererkennungswertes wegen.

Dabei könnte Einkaufen doch so entspannt sein. Die, die was aus dem Regal wollen, stellen sich mitsamt optionalem Korb an das Regel, so dass die, die vorbei wollen, vorbei können und der Rest sich am Regal bedienen kann. Aber, es wäre ja nicht das Leben, wenn dieses Simple Konzept nicht nur nicht verstanden und/oder geflissentlich Ignoriert wird, nein, da stellt man sich mit Absicht mit Zwei Einkaufswagen in massiver Sperrfeuerstellung quer über den Gang. Und nicht, um etwas aus den Regalen zu kaufen, nein. Man muss genau an DIESEM PUNKT, mitten an der Ware die andere vielleicht auch gerne Kaufen würden…

Tratschen.

„Aber die Annalena, was die für SCHUUHE letztens anhatte, kannst du das GLAUBEN?????“ – „Nee aber ich hab letztens den Dieter gesehen. Mit dem geht zuende, das sieht man dem echt an. Aber was für schuhe waren das denn?“ – „Ach du, ich weiß das auch nich‘ mehr. Aber Schuhe waren das, do!“ – „Das glaub ich dir. Du hast du letztens gehört, wegen…“

Anstelle von Obst hab ich dann einen Gang weiter Alkohol kaufen müssen, um das zu verdrängen. Es ist ja aber auch nicht nur voller Tratschtanten, sondern noch viel unangenehmeren Menschen. Kleinfamilien, die ihre Kinder nicht im Griff haben. Die hört man schon, bevor die noch im Laden sind. Am ohrenvernichtenden Gebrüll des unter 4-jährigen Kindes nämlich. Das hat heute nämlich Zahnweh oder möchte was bestimmtes haben, und anstelle dessen, dass ein Elternteil mit den Kind zuhause bleibt, muss natürlich gemeinsam als Familie die Umwelt aural bei einem Konstanten Pegel von 120 Dezibel zugeschissen werden.

Schlussendlich, mit Hörsturz und ewig eingeprägten Erinnerungen an Person-in-Gang-27’s Onkels Nierenoperation bei der Blut gespritzt ist weil sie einen Tumor nicht gesehen haben und den aufgeschnitten haben, reihe(r) ich mich mit viel zu viel Zeugs im Korb zu den anderen Konsumbekloppten an die Kasse ein. Kartenzahlung klappt ja mittlerweile ohne Probleme (meistens eventuell), also musste man eine neue Hürde Menschlichen Versagens einführen. NFC-Zahlung. Oder auch „Kartewinken“. So viele Menschen findens zwar geilen Scheiß, aber raffen nicht so wirklich, wie es funktioniert. So steh ich da, und beobachte, wie eine jüngere Dame, so schätzungsweise 22, abends im Laden mit übergroßer Sonnenbrille lässig über den Kartenleser winkt. Und wieder. Und wieder.

Bis die Kassiererin ihr mitteilen durfte, dass sie gar keine NFC-fähige Bankkarte hat, vergingen auch wieder 5 Minuten. Mittlerweile lichtete sich die Kassenschlange von entnervten Kunden, doch dann sah ich SIE. Die eine. Die unvergessliche. Den Haarschnitt des „Ich möchte jetzt ihren Vorgesetzen sprechen!“. Die Brieftasche des „Kleingeld hab ich immer, tihihi!“. Und Ihr Blick sprach Bände. Denn, von der Verkäuferin gefragt, ob sie eventuell die 87 cent klein hätte (Es war abends an einem Zahltag!), explodierte eine kleine Bombe in Karens kleinem dysfunktionalen Gehirn.

Man sah sie etwas murmeln. Das Gesicht in Ärger verkniffen, öffnete sie das verhängnisvoll gefüllte Kleingeldfach ihrer Übergroßen Geldbörse und… schüttete diese komplett auf dem Tresen aus. „Suchen sie sich das doch selbst raus. Ich bin doch nicht bescheuert!“. Die beiden in Würde gealterten Kunden vor mir schienen das gleiche zu denken wie ich – die Würde abzulegen und vielleicht mal dem einen oder anderen Ding auf den Fuß zu treten. Dreißig Mal. Mit Anlauf. Und Sprung.

Doch wir ertragen stoisch unser Los. Jeder, der noch drankommt, bedankt sich freundlich bei der Kassiererin und wünscht ihr einen schönen Feiertag, und man konnte sehen, dass sie auch wieder etwas lächelte. Immerhin etwas. Hoffentlich muss ich nicht so früh wieder einkaufen.

Den nächsten Arschlochmenschen schubs ich in einen offenen Gulli.

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