Autor, Dex, Realtalk

Sozialer Suizid

Heutzutage ist es viel zu einfach, seinen Ruf zu ruinieren. Ein, in der Sicht anderer, falscher Wort, eine wortgewordene Beobachtung und man fühlt sich, als ob man eventuell einen Genozid begangen hat. Einem lieben Freund von mir ist das letztens passiert und, man kann sagen, mich hat es eine Weile beschäftigt.

Ich persönlich denke, dass es vielleicht mal Zeit für ein bisschen Zurückhaltung für die Berufsempörten ist. Nicht alles ist auf euch bezogen. Nicht alles ist böse gemeint. Und, ganz ehrlich, wenn Ihr andere verdammt, weil sie eine andere Sichtweise haben… springt bitte in eine Kreissäge oder einen Vulkan, was je näher ist.

Eine gesunde Kultur besteht auch daraus, dass man andere Meinungen aushält, mit Menschen anderer Meinung diskutiert und Kompromisse eingeht. Das ist Teil unseres Zusammenlebens, unserer Kultur und des Volksverstehens. So funktionieren echte Demokratien, so funktionieren Diskussionen, so sollte auch unsere Gesellschaft funktionieren.

Doch die Realität ist anders. Da führen „progressive“ Leute öffentliche Blocklisten an Menschen, mit denen man bitteschön nie wieder zu kommunizieren hat. Wenn du nur mit einer dieser Personen befreundet bist oder auch nur vor 8 Jahren einen Tweet geliked hast, dann bist du ab jetzt schon fast eine Persona non Grata.

Das alles kommt auf einer Welle von Verbots- und Meinungspolitik, in der Gefühle wichtiger sind als Fakten. Wo man Menschen mit mißliebigen Gedanken am liebsten direkt Kastrieren, vierteilen und dann köpfen sollte, so kommt es einem vor.

Und dann zwingen die Gedankendiktatoren andere auch noch dazu, sich lang und ausführlich für eine zuwortgebrachte Beobachtung zu entschuldigen. Die, die eine Entschuldigung unter Todesdrohung verlangen, sind dann auch selbst wenig zimperlich in Wortwahl und Methodik, und legen jede einzelne Aussage auf die Goldwaage. Denn heute ist alles „problematisch“ und „ableistisch„.

Aber so kann es gar nicht weitergehen. So machen wir unsere Gesellschaft kaputt.

In der Wissenschaft ist dieses Phänomen ein Teil des „Mouse Utopia“-Experiments, in dem unter anderem auch der „Behavioral Sink“-Effekt entdeckt wurde.

Eine Zusammenfassung von DownTheRabbitHole

Dort wurden einige wenige weiße Mäuse in ein absolutes Utopia eingebracht, wo es genug Essen und Trinken gab, und es an nichts mangelte, um die Effekte von Überbevölkerung zu studieren. Das Experiment kristallisierte 4 Gesellschaftsphasen heraus. Die Angewöhnungs-, die Ausnutzungs-, die Stagnations- und die Todesphase. In eben jener Letzten Phase bildeten sich Kasten von nichtreproduzieren männlichen und weiblichen Mäusen, die, anders als Ihre mittlerweile Blutig gebissenen und kämpfenden Artgenossen in purem Weiß, unantastbar daherkamen. Sie kümmern sich nur noch darum, für die Außenwelt so perfekt wie möglich darzustehen, und, wenn die letzten „normalen“ Artgenossen sterben, führen die Kolonie trotz perfekter Gesundheit und Zeugungsfähigkeit in den Untergang.

Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft an sich nun in die Todesphase eintritt. Jede Äußerung, jeder Gedanke, jede Aktivität, selbst jedes Bild wird auf die Goldwaage gelegt und abgewägt, ob es der Perfekten Erscheinung in den (Anti-)Sozialen Medien zuträglich ist. Denn nur Perfektion in cogitatione animis expressivum (Gedanke, Geist und Ausdruck) ist gestattet. Alles andere wäre ja…

…problematisch.

Wir müssen wieder mehr miteinander reden. Mehr Fehler respektieren, mehr Gedanken erlauben und diskutieren. Weniger andere in die Scham treiben, mehr Kompromisse finden. Vielleicht muss man halt nicht „behindert“ als Schimpfwort verwenden, aber vielleicht sollte man denen, die es in einem Status emotionaler Aufwühlung nutzen, nicht direkt den Tod an den Hals wünschen?

Ich würde mir sehnlichst wünschen, dass wir alle mal ein bisschen gechillter an den Tag gehen. Das Leben ist zu kurz, um sich an allem aufzuhängen und zu schön um alles immer mit Drohungen und Hass zu füllen. Lasst einen Emotionalen Ausbruch einfach mal einen Emotionalen Ausbruch sein und geht raus. Es ist schönes Wetter.

  1. hast du echt gut beschrieben. Genauso ist es. Sich mal wieder normal unterhalten von Angesicht zu Angesicht ist in unsere Geselleschaft leider abhanden gekommen

Schreibe eine Antwort

Theme von Anders Norén